Ratgeber · Barrierefreiheit
Barrierefreiheit & Mobile: Pflicht und SEO-Hebel
BFSG und mobile SEO teilen sich einen Großteil der Arbeit
Seit dem 28. Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) die meisten Onlineshops und B2C-Dienstleister zu barrierefreien Websites. Der Nebeneffekt: Ein großer Teil der rund 50 WCAG-2.1-AA-Kriterien – Alt-Texte, Überschriften-Hierarchie, Kontraste, sauberes HTML – deckt sich mit dem, was Google bei der mobilen Bewertung ohnehin prüft. Wer jetzt umbaut, erledigt zwei Baustellen in einem Projekt.
Wen das BFSG betrifft – und wer rausfällt
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) gilt seit dem 28. Juni 2025 für Produkte und Dienstleistungen, die sich an Verbraucher richten: fast alle Onlineshops, außerdem Buchungsstrecken, Terminvereinbarungen und Bestellformulare. Reines B2B fällt in der Regel nicht darunter.
Die wichtigste Ausnahme: Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme sind bei Dienstleistungen befreit. Ob du unter die Grenze fällst, hängt von Details ab – das lässt du von einer Anwältin oder einem Anwalt prüfen; hier geht es um den technischen Teil und die Suchmaschinen-Seite, keine Rechtsberatung.
Für alle anderen gilt: Marktüberwachungsbehörden können Nachbesserung verlangen, das Gesetz sieht Bußgelder bis 100.000 Euro vor. In der Praxis dürften Abmahnungen der schnellere Schmerz sein. Und der Handlungsbedarf ist real: 94,8 Prozent der 1 Million meistbesuchten Startseiten weltweit wiesen 2025 automatisiert erkennbare WCAG-2-Verstöße auf – im Schnitt 51 Fehler pro Seite.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Startseiten mit automatisiert erkennbaren WCAG-2-Fehlern | 94,8 % |
| Fehler pro Startseite im Schnitt | 51 |
Quelle: WebAIM Million 2025, Auswertung der 1 Million meistbesuchten Startseiten weltweit, Stand Februar 2025.
Wo Barrierefreiheit und SEO dieselbe Arbeit sind
Ein großer Teil der WCAG-Kriterien deckt sich mit dem, was ohnehin zur Onpage-Optimierung gehört. Sechs Punkte, die beides gleichzeitig bedienen:
- Alt-Texte: Screenreader lesen sie vor, Google nutzt sie für die Bildersuche. Ein Alt-Text mit 5 bis 15 Wörtern bedient beide.
- Überschriften-Hierarchie: Genau eine H1, dann H2/H3 ohne Sprünge. Assistive Technik navigiert per Überschrift, Google liest die Struktur.
- Kontraste: WCAG 2.1 AA verlangt 4,5:1 für Fließtext und 3:1 für große Schrift.
- Tastaturbedienung: Erzwingt echte button- und a-Elemente statt Klick-Handlern auf divs – genau dieses HTML crawlt Google zuverlässiger.
- Verständliche Linktexte: „Zur Retourenrichtlinie“ statt „Hier klicken“ – sagt Screenreadern und Google, was hinter dem Link liegt.
- Sauberes, semantisches HTML: nav, main, table – die gemeinsame Basis von Zugänglichkeit und Crawlbarkeit.
Mobile SEO Optimierung ist eine Teilmenge davon
Google indexiert mobile-first: Bewertet wird, was dein Smartphone-Nutzer sieht. Viele Mobile-Probleme sind Barrierefreiheits-Probleme unter anderem Namen:
- Touch-Ziele: Tippflächen von 48 CSS-Pixeln mit 8 Pixeln Abstand.
- Zoom nicht blockieren: user-scalable=no verstößt gegen WCAG 1.4.4 (200 % Vergrößerung) und verschlechtert die Nutzung für alle.
- Schriftgröße: Unter 16 Pixel Grundschrift wird es auf dem Handy für viele unlesbar.
- Page Experience: Layout-Sprünge (CLS) machen Bedienung für Menschen mit Einschränkungen unmöglich – Google misst denselben Wert in den Core Web Vitals, die im Rahmen des technischen SEO geprüft werden.
Kurz: Wer sein BFSG-Projekt sauber umsetzt, hat einen erheblichen Teil der mobilen SEO-Hausaufgaben nebenbei erledigt. Umgekehrt gilt das nicht.
WCAG 2.1 AA als Prüfrahmen
Das BFSG nennt keine Pixelwerte. Der praktische Referenzrahmen ist die EN 301 549, die auf die WCAG 2.1 AA verweist – rund 50 Erfolgskriterien:
- Automatisiert testen: Lighthouse, WAVE oder axe DevTools. Kostenlos, in 10 Minuten erledigt.
- Ehrlich einordnen: Automatische Tools finden nur etwa 30 bis 40 Prozent der Verstöße. Lighthouse-Score 100 heißt nicht „barrierefrei“.
- Manuell nachprüfen: Die ganze Seite nur mit Tab, Enter und Pfeiltasten bedienen. Bestellstrecke mit Screenreader (VoiceOver ist auf jedem iPhone vorinstalliert) durchspielen.
- Priorisieren: Zuerst Checkout und Formulare – dort entsteht das rechtliche und wirtschaftliche Risiko. Dann Templates, zuletzt Einzelseiten.
Was es für Rankings wirklich bringt
Klare Ansage: Barrierefreiheit ist kein Rankingfaktor, den du umlegst und dann steigen die Positionen. Der Nutzen liegt an drei anderen Stellen: Bußgeld- und Abmahnrisiken werden vermieden. Signale, die Google indirekt misst, verbessern sich. Und eine Zielgruppe wird erschlossen: In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt rund 7,9 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung, dazu alle mit temporären Einschränkungen und alle über 60.
BFSG-Umbau bei einem Werkstattbedarf-Shop
„Bei einem Onlineshop für Werkstattbedarf mit rund 3.000 Artikeln haben wir wegen des BFSG die Überschriften-Struktur begradigt, Alt-Texte für die Produktbilder nachgezogen und den Checkout tastaturbedienbar gemacht. Nach drei Monaten war die mobile Sichtbarkeit spürbar besser – nicht wegen eines geheimen Schalters, sondern weil endlich die Basics stimmten.“
— Viktor Pásztor, SEO-Freelancer
Häufige Fehler bei Barrierefreiheit und mobiler SEO
Overlay-Widget installieren und abhaken
Die Ein-Klick-Tools beheben die Fehler im Code nicht. Rechtlich umstritten, technisch unzureichend.
Nur den Lighthouse-Score jagen
Mehr als die Hälfte der WCAG-Anforderungen sieht der Test gar nicht.
Alt-Texte mit Keywords vollstopfen
Beschreiben, was auf dem Bild ist, fertig.
user-scalable=no im Viewport
Ein Attribut, das gegen WCAG verstößt und mobile Nutzung verschlechtert.
Kleinstunternehmer-Ausnahme selbst „festgestellt“
Die Einordnung ist oft nicht eindeutig. Prüfen lassen.
Checkout zuletzt anfassen
Genau dort ist das Risiko am größten.
Häufige Fragen zu Barrierefreiheit und mobiler SEO
Gilt das BFSG auch für B2B-Shops?
In der Regel nein – das Gesetz zielt auf Verbrauchergeschäft. Sobald aber Privatkunden bestellen können und das nicht sauber ausgeschlossen ist, ist der Anwendungsbereich schnell erreicht. Im Zweifel juristisch klären; Bußgelder bis 100.000 Euro.
Reicht ein Accessibility-Overlay?
Nein. Overlays ändern nichts am fehlerhaften HTML darunter und decken nur einen Bruchteil der rund 50 WCAG-2.1-AA-Kriterien ab. Der Umbau muss im Code passieren.
Was kostet die Umsetzung?
Ein erster Audit mit Priorisierung ist in 5 bis 10 Stunden machbar (100 €/h). Die Umsetzung läuft meist über den Entwickler des Shops; begleitet wird das im Rahmen der laufenden SEO-Betreuung ab 1.000 €/Monat.
Ist Barrierefreiheit ein Rankingfaktor?
Nicht direkt. Aber etwa die Hälfte der Maßnahmen zahlt auf Dinge ein, die Google nachweislich bewertet. Rechne mit indirekter Wirkung über Monate, nicht mit einem Sprung über Nacht.
Viktor Pásztor
Viktor Pásztor ist SEO-Freelancer in Berlin, seit über 15 Jahren im digitalen Marketing und betreut rund 15 Kundenprojekte parallel, vorwiegend E-Commerce und B2B. Er arbeitet seit über fünf Jahren zu 100 % remote – mit WordPress, Shopify, Shopware und TYPO3. Mehr über Viktor Pásztor
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